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Alter: 69
Anmeldungsdatum: 27.02.2005
Beiträge: 7610
Wohnort: Köln
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BeitragVerfasst: Mi 25 Mai, 2011 8:57 am  Titel:  Aids, Irrtümer und die Listen Verstorbener im Internet Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Aids, Irrtümer und die Listen Verstorbener im Internet

In naher Zukunft sollen hier
Beiträge meiner HIV-Patienten erscheinen,
die auch Informationen und Erfahrungen mit meiner
"alternativen" und "komplementären" Therapie einschließen.



*******


Den folgenden Beitrag stelle ich
mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers "Ernst" ein,
der ehemals ein überzeugter HIV/Aids-Kritiker war
und nunmehr aufgrund eigener leidvoller Erfahrung
dafür plädiert rechtzeitig HIV ernst zu nehmen.



Der Beitrag ist eine Antwort auf:
Aids-Leugner, die gestorben sind
http://www.helferzelle.de/wil/viewtopic.php?t=1506



"Aids, Irrtümer und die Listen Verstorbener im Internet

Im Internet gibt es Listen. Diese Listen sollten etwas beweisen. Die Situation ist unschön.

Einst gab es den Aids-Quilt. Ihr erinnert Euch? Das ist diese riesige Decke, die zusammengesetzt ist aus Erinnerungen. Hier haben Menschen ein kleines selbstgefertigtes Stück Stoff über die Trauer, daß ein Freund, ein Angehöriger, ein Vater, ein Bruder, eine Mutter oder die Tochter verstorben sind an ein großes Tuch geknüpft. Man konnte diese Werke der Erinnerung und des Gedenkens an bestimmten Orten abgeben. Als ich in San Francisco war, saß ich einmal an einem solchen Platz, einem Laden in Castro. Mit ruhiger Hand nähten einige Frauen und verbanden Teilstücke, bunt oder schwarz zum großen Ganzen, zum Aids-Quilt.

Dieses ins gigantische gewachsene Tuch, mit all den Erinnerungen an unsere an HIV/Aids verstorbenen Menschen, mahnte die Welt, gedachte der Toten und forderte auf, Aids zu bekämpfen, die Menschen zu retten, sowohl durch Prävention als auch durch immer intensivere Forschung in Medizin und Wissenschaft.

Die Listen im Internet sind anders. Es sind getrennte Listen.

Durch den Aids-Quilt geht ein Riss.

Da gibt es die einen, die sagen, daß Menschen durch Medikamente vergiftet worden sind und sie beschuldigen kein Virus, sondern klagen die Pharmaindustrie an.

Sie führen Listen mit den Toten.

Da gibt es die anderen, die sagen, daß Menschen, die so naiv sind und denjenigen Glauben schenken, die alles mögliche nur nicht HIV als die Ursache von Aids ansehen, daß diese Menschen in großer Gefahr sind und das sie, sollten sie infiziert sein und die Medikamente verweigern, sterben.

Sie führen Listen mit den Toten.

Zuallererst will ich warnen. HIV-Positivität kann zu einer Immunschwäche führen. Wer die Immunschwäche hat, die man Aids nennt, benötigt Medikamente, die heute in der Lage sind, nicht nur die Erkrankung zu lindern, sondern mit etwas Glück, die Gesundheit desjenigen oder derjenigen wieder herzustellen.

Es ist offensichtlich, daß Menschen mit Vollbild Aids, mit Erkrankungen an denen sie vor einigen Jahren verstorben wären, heutzutage nicht nur wieder ins Leben zurückkehren, sie gesunden, sie arbeiten, sie leben und lachen.

Ich selbst habe einmal geglaubt, daß die Wissenschaft, daß die Medizin uns im Stich gelassen hat. Es gab eine Zeit, da schien dies so. Es gab eine Zeit, da türmten sich bei unseren Freunden und Freundinnen die Medikamente und sie starben.

Es gab danach eine Zeit, da verweigerten viele die Medikamente und besannen sich auf ihre eigenen Kräfte. Sie wandten sich von Schulmedizin und Wissenschaft ab.

Es entwickelte sich ein Trend, eine Gegenbewegung und im Kampf gegen Aids wurden plötzlich andere Dinge wichtig. Der richtige Lebensstil, der Glaube, die Einstellung und gesunde Ernährung. Lautstark verkündeten die Protagonisten der neuen Botschaft, daß sie die Rettung bringt.

Die Ursache von Aids, ein Retrovirus HIV genannt, das langsam das Immunsystem zerstört, wurde angezweifelt. Die Medikamente schienen wenig wirkungsvoll, die Nebenwirkungen waren oft gravierend. Manch einer suchte nach anderen Antworten und Lösungsmöglichkeiten. War das berechtigt?

In einer Zeit, in der der Quilt immer länger wurde, war es berechtigt.

Es ist nach wie vor meine Meinung, daß wir in dieser Zeit etwas herausgefunden haben. Wir haben erkannt, daß der Glaube tatsächlich wichtig ist, daß ein gesunder Lebensstil uns weiterbringt, daß es zum Beispiel gut ist, mit dem Rauchen aufzuhören und es Spaß macht, mit gesunden Sachen zu kochen. Wir haben uns um uns und um unsere Gesundheit gekümmert.

Unsere Freunde und Freundinnen lebten einige Jahre gut, aber dann geschah das Entsetzliche erneut.

Der Tod brach ein in unsere Reihen und es war immer noch das alte Aids, es waren immer noch die gleichen grausamen Erkrankungen. Manche, so wie ich, hatten das Glück, daß die Schulmedizin sie noch retten konnte. Doch da wir auf unsere eigene Kraft vertraut haben, zauderten wir lange, manche zu lange.

Entscheidungen sind immer gefährlich und manchmal ist es auch gefährlich sich nicht zu entscheiden.

Wann machen Medikamente Sinn, was ist zu früh, wann ist es zu spät?

Bei mir war es sehr spät, aber ich könnte jetzt drei Jahre danach und wieder bei guter Gesundheit, diese Zeilen nicht schreiben, wenn es zu spät gewesen wäre. Allerdings für die feinen Hörnerven in meinem Ohr war es definitiv zu spät. Nach einer intensiven medizinischen Behandlung gegen meine durch die Immunschwäche bewirkten Erkrankungen, war ich nahezu taub.

Heute höre ich wieder und auch dies aufgrund des enormen wissenschaftlichen Fortschritts, denn ich bin ein Cochlear Implantat Träger und dadurch höre ich wieder.

Es ist nicht perfekt, aber für mich ist es ein Wunder.

Das noch größere Wunder ist jedoch, daß ich offensichtlich keine gravierende Immunschwäche mehr habe, nicht die, die ich hatte. Mein Immunsystem hat sich erholt und meine Ärztin bestätigt mir in jedem Vierteljahr, daß meine sogenannte Viruslast unter Nachweisgrenze ist.

Wer heilt hat recht. Es ist für mich offensichtlich, daß die Ursache von Aids ein Virus namens HIV ist und daß es mich fast getötet hätte.

Es ist eigentlich eine medizinische Sensation, daß es gelungen ist, nicht nur die Ursache von Aids zu entdecken, sondern auch so lange zu forschen und zu kämpfen, daß diese kleine Bestie in die Knie gezwungen werden konnte.

Es ist ein Etappensieg.

Als ich begriff, daß ich auf dem Weg zur Gesundung war, gab es einen Moment im Beisein meiner Ärztin, da brach ich in Tränen aus. Ich fing mich schnell wieder und blieb eine Erklärung für die Tränen schuldig.

Was ich damals jedoch nicht aussprechen konnte, kann ich heute erklären. Ich war erschüttert, da ich erkannte, daß ich eben nicht im Stich gelassen worden war, denn das war jahrelang mein innerstes Gefühl, meine tiefste Verzweiflung.

Wir sind im Stich gelassen worden, all die Medikamente, all die Ärzte, all dies schien mir nur eine Scharade, eine Gaukelei und Aids, all meine Freunde mordend, schien übermächtig.

Als ich erkannte, daß unsere Medizin und unsere Wissenschaft in der Lage waren, mich zu retten, weinte ich.

Man hat uns nicht im Stich gelassen und ich weinte vor Glück.

Ich kehre zu meinem Eingangsthema zurück, zu den Listen.

Ich könnte jetzt versucht sein, diejenigen, die an Aids verstorben sind, ohne das Glück zu haben, daß Ihnen die heutige Medizin helfen konnte, zu den Listen hinzuzufügen, die im Internet geführt werden und die aufzeigen sollen, daß diejenigen allzu bald sterben, die den sog. Aids-Leugnern Glauben schenken.

Ja es ist richtig, diese Menschen haben geleugnet, daß HIV sie umbringen wird, haben letztlich Aids geleugnet und sind an Aids verstorben, aber ich weiß, daß der richtige Ort für meine Trauer nach wie vor der Aids-Quilt ist.

Es waren auch in Deutschland viele Menschen, die die entscheidend rettende medizinische Hilfe bis zuletzt abgelehnt haben, die wie man so sagt, in ihrem Irrtum verharrten.

Es ist tragisch für mich, heute zu begreifen, daß einige vielleicht heute noch leben könnten, wenn sie rechtzeitig einem mit HIV/Aids erfahrenem Arzt vertraut hätten.

Lebenswege sind jedoch letztlich zu respektieren. Wer sich gegen eine medizinische Therapie entscheidet, der geht seinen Weg. Er hat Gründe dafür, sei es sein Glaube oder eine andere manchmal trügerische Hoffnung.

Ich kann nur für mich sprechen, kann nur Beispiel sein und Zeugnis ablegen für meinen Lebensweg.

Ich kann vor falschen Hoffnungen warnen und darauf verweisen, daß HIV/Aids in meinen Augen gut behandelbar ist.

Vielleicht hilft mein Beispiel, daß sich Menschen für eine schulmedizinische Therapie gegen HIV entscheiden. Verlorenes Vertrauen kann nur durch Aufrichtigkeit und vor allem durch gegenseitigen Respekt wieder zurückgewonnen werden.

Viele Menschen, die man zu den sogenannten Aids-Leugnern zählt, sind an Aids verstorben.

Trotzdem muss es genügen, wenn ich jetzt entscheide, daß es nur einen Ort für Menschen gibt, der richtig ist für die Trauer und für die Namen, der Aids-Quilt.

Es wird Zeit den Aids-Quilt zu heilen und den Riss zu flicken.

Weg mit den Listen."

Ernst


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