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BeitragVerfasst: Sa 26 Jan, 2008 10:26 pm  Titel:  (K)ein zweites Coming out Antworten mit ZitatNach untenNach oben

(K)ein zweites Coming Out

Warum es den meisten so schwer fällt, mit ihren Eltern über HIV zu sprechen

In Projekt Information Nr. 2/2007

Der sozialen Unterstützung kommt bei der Bewältigung chronischer Krankheiten eine besondere Bedeutung zu. Neben konkreten physischen Hilfeleistungen im Alltag, etwa durch Besorgungen im Haushalt ist sie in akuten gesundheitlichen und psychischen Krisensituationen wichtig: hinsichtlich der Möglichkeit, beispielsweise über eigene Schmerzen sprechen zu können, Ängste gemeinsam zu bearbeiten oder Streß zu vermindern.

Gerade in Bezug auf Depressionen, die nicht selten mit chronischen Erkrankungen einhergehen, sind vertraute Bezugspersonen unverzichtbar. In der Forschung werden daher soziale Netzwerke als zentrale gesundheitsfördernde Resourcen verstanden.

Studien haben gezeigt, daß es bei schweren und potentiell tödlich verlaufenden Krankheiten nicht so sehr um die bloße Anzahl von Freunden oder Verwandten geht, sondern um die Art und Qualität der Beziehungen. Als hilfreich empfunden werden in der Regel nur wenige, dafür sehr enge soziale Bindungen. Nicht ganz unerwartet wird oft die Familie als zentrale emotionale Stütze gesehen. Auch in unserer postmodernen und individualistischen Gesellschaft steht der Einzelne im Bann der biologischen Herkunftsfmamilie.

Bei HIV scheint das – zumindest in den sogenannten Industriestaaten und bezogen auf die hier mehrheitlich von der Infektion betroffenen schwulen Männer – anders zu sein. „Wo Krankheit mit einem Stigma besetzt ist, wird die Unterstützung durch die Familienangehörigen und Freunde kompliziert, da es die Frage der Enthüllung mit sich bringt: wem kann ich davon erzählen und wem nicht?“ (lyons/Chamberlain, S. 289). Hier bleibt die Familie zumeist außen vor. Es handelt sich um eine selektive Informationssteuerung, in der eher Freunde oder Bekannte über die Diagnose „positiv“ in Kenntnis gesetzt werden als Familienmitglieder. Die eigenen Eltern stehen in dieser Reihe oft an letzter Stelle.

In einer aktuellen Interviewstudie haben von 35 HIV-positiven Teilnehmern lediglich vier ausgesagt, ihren Eltern von der Infektion berichtet zu haben. Selbst bei Männern, die seit Jahren in der Szene offen mit der Krankheit umgehen und auch professionell in der Aidshilfe-Arbeit tätig sind, bleibt der eigene HIV-Status der Familie gegenüber ein Geheimnis. Angesichts der vielfach behaupteten Normalisierung im Umgang mit der Infektion und der weitgehenden sozialen Akzeptanz von Positiven wird deutlich, daß mit HIV und Aids immer noch massive Ängste vor gesellschaftlichen und familiären Reaktionen verbunden sind.

In der Psychologie wird die Entscheidung, offen mit seiner Krankheit umzugehen, mit dem Gewinn sozialer Unterstützung und damit gesundheitsfördernder Ressourcen verbunden. Die allgegenwärtige Sprachlosigkeit über die eigene HIV-Infektion im Familienrahmen bedeutet, daß eine zumindest potentielle Ressource im Umgang mit der Krankheit verloren geht. Mehr noch: Das aktive Verschweigen des Positivseins verlangt schwulen Männern in familiären Kontext oft enorme Energien ab: Die notwendigen Medikamente müssen versteckt und können nur heimlich eingenommen werden, bei HIV-assoziierten Erkrankungen müssen glaubhafte Alternativkrankengeschichten erfunden werden, über das aktuelle Befinden kann nicht gesprochen werden.

Dabei besteht immer die Gefahr, als „Aidskranker“ enttarnt zu werden. Es entstehen unterschiedliche kommunikative Welten, in denen der Positive lebt, die aber in Bezug auf das – bewußt oder unbewusst – lebenszentrale Moment der Infektion keinerlei Berührungspunkte aufweisen. Das erinnert vielleicht nicht zufällig an die Situation von Homosexuellen vor ihrem Coming out. Man)n) lebt wieder mal im Schrank. Und die Familie, die bei sehr vielen anderen Krankheiten als unterstützend und helfend wahrgenommen wird, erscheint als Belastung.

Die Gründe, die zum Beispiel in der Interviewstudie „Positives Begehren“ für die Nicht-Thematisierung angeführt werden, sind im Detail vielfältig, können jedoch auf wenige Argumentationslinien gebracht werden. Erstens wird betont, daß die HIV-Infektion doch etwas sehr Intimes sei, das niemanden sonst angehe, die Eltern schon gar nicht.

Die Privatisierung der Krankheit, die hier vorgenommen wird, ist nicht selten als Abwehrreaktion zu interpretieren. Ein aktiver Umgang mit der Krankheit ist nicht gewollt und wird nicht gesucht. Damit einhergehende Ängste bleiben unausgesprochen. Über explizite Abgrenzungen gegenüber offenen als HIV-Positive lebenden oder Aidshilfeeinrichtungen wird jede Möglichkeit einer Zugehörigkeit abgewehrt und das Phantasma des Nicht-Krankseins aufrecht erhalten. Dies kann einen Versuch bezeichnen, mit dem Streß, den die Diagnose gerade am Anfang bedeutet, umzugehen und das emotionale Gleichgewicht zu behalten.

Verloren geht so jedoch die soziale Unterstützung durch andere. Auch die scheinbar relativierende Aussage, vielleicht doch den Eltern von HIV zu erzählen, wenn es – etwa durch den Therapiebeginn – notwendig werde, bietet da kaum Hoffnung. Bis dahin haben sich in der Regel die Geschichten, die erfunden und erzählt wurden, verselbständigt und können nur mehr um den Preis, sich als Lügner zu offenbaren, durch die Wahrheit der Infektion ersetzt werden. Insofern bedeutet die Behauptung von HIV als rein privater Angelegenheit für viele, in Situationen, wo soziale Unterstützung angemessen wäre, allein mit der Krankheit zu sein.

Zweitens wird in einer überwiegenden Zahl der Statements das familiäre Schweigen mit dem Gesundheitszustand der Eltern legitimiert. Ein Interviewpartner: „Aber ich möchte auch nicht, daß es meine Eltern erfahren. Um Gottes Willen, denn das ist, also meine Mutter hat momentan Brustkrebs. Und das ist, glaube ich, das würde sie umbringen, glaube ich.“

Alter, Krebserkrankungen, Herzinfarkte – die Eltern sollen nicht auch noch mit der HIV-Infektion des Sohnes belastet werden. Hinter dieser oft beinahe stereotyp formulierten Begründung, die auf die (vermeintliche wie reale) Liebe des Kindes zu den Eltern verweist, ist gleichzeitig eine Angst zu erkennen, die (vermeintliche wie reale) Liebe der Eltern zum Kind durch die Offenbarung der Krankheit verlieren zu können.

HIV wird nach wie vor mit dem moralischen Maßstab der persönlichen Schuld gemessen. Hat man den Eltern durch sein Schwulsein nicht schon genug angetan? Soll dies Leiden jetzt noch durch HIV vermehrt werden? In dieser Perspektive wird durch das Verschweigen der Infektion ein unbewußtes Schuldgefühl gegenüber den Eltern aufgrund des eigenen Schwulseins erkennbar.

Gleichzeitig bedeutet die Eröffnung der Infektion auch ein schamvolles Eingeständnis des Scheiterns. Solange HIV und Homosexualität als gesellschaftliches Stereotyp gekoppelt sind, heißt die Diagnose „positiv“, eben dieses Stereotyp zu verkörpern. Man wird zum lebenden Beweis für die Richtigkeit der diskriminierenden Äußerung. Die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft hatte offenbar doch Recht. Ein Interviewteilnehmer: „Alle Eltern, besonders die Mütter, alle wissen, schwul ist gleich Aids (haut auf den Tisch). Das kriegst du nicht aus den Köpfen raus.“ HIV wird so massiv mit Schamgefühlen belegt und ermöglicht kaum eine offene Kommunikation innerhalb des engen Familienrahmens.

Die Beziehung von HIV und Homosexualität wird auch in der vierten Argumentationslinie deutlich. Das schwule Coming Out habe schon derart viel Kraft und Zeit gekostet, das wolle man nicht noch einmal mit HIV durchmachen, nicht noch einmal die emotionale Belastung, die Ängste nehmen und sich erklären müssen, immer und immer wieder. Denn: „Die würden die Fehler bei sich suchen. Das ist das Problem. Die würden denken ‚Was hab ich falsch gemacht.’“ (Intervieteilnehmer)

Die strukturelle Ähnlichkeit des öffentlichen Sprechens über seine Infektion mit dem Outing als Schwuler werden hier offenbar. Die Probleme, die eine Offenbarung des Status mit sich bringen könnte, überwiegen in der Vorstellung die möglichen Vorteile etwa der sozialen Unterstützung. Psychologisch betrachtet deutet diese Begründung aber auch auf das brüchige Verhältnis zwischen schwulem Sohn und seinen Eltern hin. Ihr unterliegt die Befürchtung, die im Laufe der Jahre entstandene Akzeptanz der schwulen Lebensweise könnte nur oberflächlich und scheinbar sein, weiterhin von Ressentiments und Ablehnung unterlegt. Damit zeigt sich im Verschweigen auch eine Angst vor dem Verlust der Anerkennung der eigenen schwulen Identität.

Gibt es auch bei heterosexuellen Positiven einen Kommunikationsbruch in der Familie? Wird auch hier die HIV-Infektion verheimlicht? Im schwulen Bereich jedenfalls werden die familiären Rollen bekanntlich von den engen Freunden als eine Art Ersatzfamilie übernommen, die als soziales Netzwerk dienen: „We are familiy“, wie es programmatisch so schön heißt. Es bleibt zu hoffen, daß die Familie, wenn es darauf ankommt, hält, was sie verspricht.

Referenzen:

- Antonovsky, A. (1097): Slutogenese. Zur Entmysttifizierung der Gesundheit. Tübingen
- Kalichman. S. et al. (2003) Stress, social support, and HIV. Journal of Behavioral Medicine 26, S. 315-332
- Lyons, Antonia; Chamberlain, Kerry (2006): Health Psychology. A Critical Introduction. Cambridge
- Studie “Positives Begehren” (2006/07). Department Psychologie. LMU München. Publikation für November/Dezember 2007 geplant.


Kommentar

Beispiele aus dem realen Leben:

http://www.helferzelle.de/wil/kb.php?mode=article&k=105
http://www.helferzelle.de/wil/kb.php?mode=article&k=190
http://www.helferzelle.de/wil/viewtopic.php?t=967


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